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Verschobene Grenzen: Rechtsextreme Normalisierung und die Erosion der Demokratie
Printversion der Thüringer Zustände 2025.
Foto: Felix HilleDie aktuelle Ausgabe der "Thüringer Zustände"Externer Link erscheint unter dem Titel "Verschobene Grenzen: Rechtsextreme Normalisierung und die Erosion der Demokratie". In den kommenden Tagen und Wochen wird der Fokus auf verschiedene Felder der Publikationsreihe gelegt. Hier sind die wichtigsten Befunde zusammengefasst.
Befunde
Die aktuellen Analysen der „Thüringer Zustände“ zeigen deutlich: Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen haben sich im Jahr 2025 tiefgreifend verschoben. Rechtsextreme Positionen sind sichtbarer, sagbarer und alltäglicher geworden. Die extreme Rechte hat sich im Alltag etabliert – und die Normalisierung von Rechtsextremismus ist in kürzester Zeit weit vorangeschritten.
Verstetigung des Rechtsrucks
Bereits in den vorherigen Ausgaben wurde das Erstarken des Rechtsextremismus in Thüringen dokumentiert. Diese Entwicklung hat sich nicht nur bestätigt, sondern verstetigt. Sie schafft ein Klima, in dem Unsicherheiten wachsen, Fachkräfte sich zurückziehen und Strukturen, die demokratisches Engagement stärken, zunehmend unter Druck geraten.
Bildungs- und Arbeitskontexte unter Druck
Besonders deutlich wird dies an Schulen: Die Zahl und Intensität rechtsextremer Vorfälle nehmen zu, während Lehrkräfte und Schulsozialarbeit mit wachsender Unsicherheit hinsichtlich ihrer Handlungsmöglichkeiten konfrontiert sind. Dazu Romy Arnold, Projektleiterin von MOBIT: „Erfahrungen aus der Beratungspraxis zeigen, dass Lehrkräfte und Schulsozialarbeit häufig an ihre Grenzen geraten. Der bereits beobachtete Trend einer stärkeren rechtsextremen Orientierung unter Jugendlichen setzt sich fort und prägt zunehmend das Schulklima“.
Auch internationale Studierende und Fachkräfte berichten von zunehmenden rassistischen Erfahrungen. „Interviews zeigen, dass insbesondere Menschen mit internationaler Geschichte zunehmend rassistische Erfahrungen im Alltag machen. Dies führt zu wachsender Verunsicherung und beeinflusst Lebens- und Bleibeentscheidungen“, verdeutlicht Laura Dellagiacoma, wissenschaftliche Mitarbeiterin des KomRex. So werde Verunsicherung verstärkt und möglicherweise Abwanderung begünstigt. Mit Blick auf den massiven Fachkräftemangel in Thüringen spitzt sich hier eine schon jetzt dramatische Entwicklung weiter zu.
Betroffene: Anhaltend hohes Niveau rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt
Die Zahl rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten bleibt alarmierend hoch. Im Jahr 2025 wurden in Thüringen von der fachspezifischen Gewaltopferberatung ezra 181 Angriffe dokumentiert, mindestens 292 Menschen waren direkt betroffen. „Rechte Gewalt ist für viele Betroffene längst kein Ausnahmefall mehr, sondern alltägliches Risiko. Neben unserem unabhängigen Monitoring zeigen dies auch die Zahlen des BKA: Im bundesweiten Vergleich auf 100.000 Einwohner*innen belegt Thüringen auch 2025 den dritten Platz bei rechter politisch motivierter Gewalt. Besonders besorgniserregend ist zudem die Brutalität vieler Angriffe. An diese Zustände dürfen wir uns nicht gewöhnen“, so Theresa Lauß, Projektleiterin von ezra.
Zivilgesellschaft im Visier
Parallel dazu geraten zivilgesellschaftliche Organisationen stärker unter Druck. Politische und öffentliche Angriffe sowie Delegitimierungskampagnen schwächen gezielt jene Strukturen, die sich für Demokratie und Vielfalt einsetzen. „Debatten über einen angeblichen ‘NGO-Komplex’ sowie gezielte parlamentarische Initiativen und mediale Kampagnen tragen zur Delegitimierung demokratischer Akteur*innen bei”, so Cornelius Helmert, Politikwissenschaftler am IDZ. Besonders problematisch ist, dass diese Narrative teilweise auch von demokratischen Kräften aufgegriffen werden und sich verstärkt in politischem und administrativem Handeln niederschlagen.
Fazit
Während rechtsextreme Akteure an Einfluss gewinnen, wird die Gegenwehr geschwächt. Die Normalisierung rechtsextremer Positionen und die Erosion demokratischer Strukturen gehen Hand in Hand. Es geht dabei um eine grundlegende Verschiebung gesellschaftlicher Normalität – und um die Frage, wie tragfähig demokratische Gegenstrategien unter diesen Bedingungen noch sind
Über die „Thüringer Zustände“
Die Publikationsreihe bietet eine kompakte, faktenbasierte Darstellung und kritische Einordnung der Situation des Rechtsextremismus, des Antisemitismus und Rassismus, der Abwertung, Diskriminierung und Hassgewalt im Freistaat Thüringen.
Wer erarbeitet die Publikationsreihe?
Die „Thüringer Zustände“ erscheinen das fünfte Jahr in Folge und werden herausgegeben von ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, von MOBIT – Mobile Beratung in Thüringen – für Demokratie – gegen Rechtsextremismus, vom KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration der Friedrich-Schiller-Universität Jena und vom IDZ – Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft.
Druckexemplare und PDF-Version
Kostenlose Druckexemplare der „Thüringer Zustände 2025“ können ab sofort bei den herausgebenden Institutionen bezogen werden. Die PDF-Version ist hierExterner Link verfügbar.